Der Tag war produktiv aber scheinbar endlos. Nun will ich bloß noch rasch einen Blick auf meine Dating-Sites werfen. Es hat sich sicher eh nicht viel getan, aber durch häufiges Einloggen sorge ich dafür, daß mein Profil an prominenter Stelle präsentiert wird. Oder jedenfalls behauptet das die Site. –
Na, immerhin hatte ich ein paar neue Besucher. Beide mit einem Fragezeichen statt Bild. Das heißt, ich muß sie erst anklicken, ehe ich ein Foto in Augenschein nehmen darf. Erheitert und gegen meinen Willen ziemlich neugierig drücke ich mit dem Zeigefinger auf die Maustaste.
M. ist 67, Arbeiter, pensioniert und verwitwet. Lebt in der Pfalz. Nicht grade meine Lieblingsgegend. Aber immerhin allein, nicht bei seinen Kindern. Schwarzer Bürstenschnitt. Ob die Haare gefärbt sind? Bezeichnet seine Figur als ‚mollig’. Na, ich hätte eher ‚Kleiderschrank’ gesagt. Sieht nach ehemaligem Möbelpacker aus. Oder vielleicht Türsteher.
Interessen: Sport, Fernsehen, Garten, Kneipe. Also alles normal. Ich starre auf das narbige Gesicht. Eigentlich nicht unsympathisch, oder? Jemand, den man ganz gern im Zugabteil hätte, falls die Fußballfans zu randalieren anfangen. Andererseits ist da um die Augen was, was mir nicht so gut gefällt. M. sieht vielleicht doch mehr so aus wie jemand, der sehr, sehr unangenehm werden kann, wenn die Nachbarskatze zwischen seine Schlüsselblumen kackt. Oder wenn er denkt, daß ihn jemand nicht ernst nimmt. Ich beschließe, lieber doch keine Nachricht zu schicken.
Obwohl ich wirklich gern gewußt hätte, wie er dazu gekommen ist, sich ausgerechnet Miezipurz zu nennen.
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